Über das Leben bei Microsoft – Arbeitgeber Microsoft (2/3)

Nachdem ich im ersten Teil die Bewerbung bzw. Tipps für diese besprochen habe, hier meine ganz persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag von 5 Jahren Firmenzugehörigkeit.

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Mein Weg zu Microsoft

Mein Weg ging nicht über die klassische Bewerbung, es war geradezu umgekehrt, ich wurde von Microsoft angeworben. Ich war Geschäftsführer in einer Firma, die ich mit einem Ex-Microsoftie gegründet hatte, war daneben auch als EPU tätig und als solcher auch für Microsoft tätig.  Wie der HR Kollege damals richtig bemerkt hat „Wir kaufen bei Dir ja nicht gerade die Katze im Sack“. Korrekt, ich hatte bereits gut 10 Jahre für Microsoft gearbeitet, wir kannten einander also ganz gut. Es hat sich nur gerade gut getroffen, mir war nach Veränderung. Wobei ich eigentlich keine Anstellung angestrebt hatte, der einzige Job bei Microsoft, bei dem ich schwach werden konnte, war der des „Evangelisten“. Genau um den ging es dann… tja. „Bereut“ habe ich es bis heute nicht, auch der Umstieg von Unternehmer auf Angestellter war friktionsfreier als befürchtet.

Vom Unternehmer zum Angestellten

Wenn ich es direkt vergleiche: Sogar der administrative Aufwand ist in etwa gleichgeblieben (das kann man positiv und negativ sehen). Waren es als Unternehmer Tätigkeiten und Themengebiete wie Buchhaltung, Lohnverrechnung, Steuer, Rechnungslegung, Inkasso und vieles mehr, so sind es als Angestellter bei Microsoft Reisekostenabrechnungen, Vertragsmanagement oder Procurement. Als Unternehmer kann man viele Dinge outsourcen und bucht sich die Services eben nach Bedarf hinzu. Als Microsoft Angestellter muss man das Zeugs dann selbst machen, Unterstützung gibt es nur sehr bedingt und mehr in Form von Controlling, wenn etwas falsch läuft.

Dafür hatte ich es als Unternehmer nie, dass ich einen eigenen Checkin am Flughafen bekomme, als Microsoftie kann das schon mal passieren, wenn man zur internen MGX Konferenz fliegt. Mit seinen 16.000 engsten Freunden.

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Irgendwie bin ich übrigens Unternehmer geblieben, vor allem geistig. Das was ich nun auf der einen Seite an Zeit einspare (Abführen der U-Bahn Steuer für Angestellte) habe ich auf der anderen Seite mit Reisekostenabrechnung. Irgendwie egal, beides nicht erfüllend, aber eben notwendig. Klar: Wenn ich etwas haben will und sei es nur ein technisches Gadget, dann muss ich jetzt fragen und Genehmigungen einholen. No na.

Und den Verlust der persönlichen Office Assistenz beklage ich. Habe schon öfters überlegt, ob ich nicht mit Kollegen zusammenlege und wir uns gemeinsam eine administrative Arbeitskraft leisten („Personal Outsourcing“). Aber da man da wohl Zugänge bzw. Passwörter sharen müsste, wäre das nicht compliant. Schade.

Das Leben bei Microsoft: Die Scorecard

Der Lebensinhalt als Microsoftie im Field ist schnell erklärt: Man muss bestimmte Ziele in bestimmten Zeiträumen erfüllen, das ist die heilige Scorecard. Meist quantitativ bewertbare Ziele müssen am Ende des Jahres vorhanden sein, sonst droht Unheil. Den aktuellen Status sieht man Microsofties meist im Gesicht an:comic_scorecard.pngWie und wann und mit welchen Mitteln die Farbe „grün“ erreicht wird, kann man selbst wählen (also… solange es legal und nicht schädlich für das Unternehmen oder den Kunden ist). Inhaltlich ist das jedes Jahr einem Wandel unterzogen, hat aber in letzter Zeit hauptsächlich mit einem Thema zu tun: Cloud.

Es gibt hier für jede Rolle Hilfestellungen („Playbooks“), aber … also wenn man will und glaubt, dass man es besser kann, dann kann man absolut seine eigenen Vorgehensweisen einbringen. Die Freiheitsgrade, die man im Job hat, sind extrem groß. Man kann also durchaus „riskieren“ und mal neue Wege gehen. Solange eben am Ende die Scorecard stimmt.

Das ist leider auch manchmal einschränkend. Ich erlebe es quasi täglich, dass gute Vorschläge oder Ideen nicht weiterverfolgt werden, weil sie eben nicht auf der Scorecard stehen. Überspitzt kann man das dann auch so sehen:

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Ist die Antwort dann „Äh… nö, das nimmt man On premises“, dann ist der Microsoft Kontakt nicht sonderlich interessiert. Das aber nicht, weil der Microsoft-Mensch ignorant desinteressiert ist, sondern weil die Zeitressourcen es nicht erlauben, irgendwelchen Spaßprojekten hinterherzujagen (Spaßprojekt = Non-Scorecard). Sieht man übrigens auch hier am Blog, wenn ich etwas mehr Zeit habe, gibt es mehr Artikel, wenn es die Scorecard rot ist (ja, oder ein neues gutes Xbox-Spiel herauskommt), dann leiden die Nebentätigkeiten.

Auf der anderen Seite macht es die Zusammenarbeit auch recht einfach, wenn man in Erfahrung bringt, was der jeweils andere gerade auf der Scorecard hat, findet man schnell „Verbündete“. Das gilt übrigens auch für Partner und Kunden. Da gehen manche Dinge plötzlich super easy,…

ABER: Selbst wenn etwas nicht auf der Scorecard steht, es geht trotzdem. Klar, nicht alles, weil man das ja dann irgendwo in der Freizeit tut, und das kann man nicht von jedem verlangen, aber möglich ist es. Geht vor allem mit den Personen, die neben dem notwendigen Quartalsdenken auch nachhaltigere Wege für wichtig erachten. Handelt es sich allerdings um Quartal 3 und man hat die Wahl entweder eine nicht quartalsgetriebene Person in leitender Funktion in der Sub zu suchen, oder aber das Bernsteinzimmer: So sieht es aus. (Nein,… nur ein Spaß. ) Was funktioniert:  Man sucht sich auch hier Mitstreiter und Verbündete für eine Idee und zieht das dann durch. Selbst da wo wir natürlich immer Jammern, dass es kein Budget gäbe… meiner Erfahrung nach findet sich immer noch etwas.

Tagesagenda

Wie man jetzt seinen Tag oder generell sein Jahr einteilt, dafür ist man selbst verantwortlich. Ein Teil wird einem natürlich durch jene Personen vorgegeben, mit denen man arbeitet, also zum Beispiel durch den Kunden oder Partner. Wenn der sich nicht um 5 Uhr in der Früh treffen möchte, weil er einen anderen Biorhythmus hat, dann wird man sich anpassen müssen.

Auch der Manger mag seine eigenen Vorstellungen haben, wie oft und wann er seine Mitarbeiter sehen möchte… Was aber niemanden interessiert: Sitze 8h pro Tag an diesem oder jenem Ort. Es gibt Tage, da schlafe ich schon mal bis 10 Uhr (haha, bei 3 Kindern … aber ich schreib das einfach mal so, klingt super), dafür sitze ich auch gerne bis 3 Uhr in der Nacht vor dem PC.

Ich habe derzeit einen ganz gesunden Mix aus Home Office, Büro und Kunden-/Partner Location. Ich komme gerne ins Office für „soziale Interaktion“ (Meetings, Kontaktpflege), aber zum konzentriert Arbeiten habe ich ruhigere Plätzchen. (Jetzt sollte noch ein Werbe-Absatz zu unserem New World of Work Office kommen,… mach ich ein anderes Mal). Im Schnitt bin ich derzeit wohl an 3-4 Tagen im Büro, wobei ich den Vorteil habe einen relativ kurzen Weg ins Office zu haben, d.h. ich komme dann manchmal wirklich nur für ein Meeting ins Büro um nachher wieder in Ruhe weiterarbeiten zu können.

Das hier ist einer meiner Stammplätze, mein „Wirt’n“. Der war so nett und hat mir zu meinem Stammplatz eine Steckdose gelegt. Durchaus wirtschaftlich für ihn.

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Nur Home Office (bzw. Wirtn) wäre übrigens auch nicht gut, man bekommt schon viel mit, wenn man physisch vor Ort ist. Es gibt aber auch viele Personen, die „nie“ im Büro sind. Das wären z.B. Mitarbeiter bei Services, die fix beim Kunden sind. Oder auch durchaus üblich sind „RGE“s, die „Regional Guest Employees“. Also solche Mitarbeiter, die eigentlich in einem anderen Land arbeiten als sie sich physisch befinden. Lebt zum Beispiel in Wien, arbeitet aber für eine Corp-Einheit in Redmond. Diese sehen ihren Manger und ihre Kollegen vielleicht 2-3x im Jahr.

Zusammenfassung: Man wählt jenen Weg, mit dem man selbst am besten kann und damit die Ziele erreicht. Awesome.

Meine Job-Rolle

Sollte ich vielleicht auch dazu sagen, was ich überhaupt mache. Ich habe den vermutlich coolsten Job der Welt: Ich bin „Principal Technical Evangelist“.

Tja, es gibt wohl mehr als vier Evangelisten. Wir sind das technische Rückgrat der DX (Developer Experience and Evangelism Group). In dieser Gruppe treiben wir momentan die Digitale Transformation bei Entwicklern an, schauen dass wir diese auf Azure bringen. Da liegt der Fokus vor allem bei Startups, ISVs und generell bei Visual Studio Nutzern. Und ich evangelisiere eben in dieser Richtung… kann man sich am ehesten vorstellen, wie diese Priester-Einheit bei Microsoft Age of Empires, die andere Einheiten konvertiert,… jedenfalls gehört zu meinem Aufgabenbereich, dass ich mich immer am aller letzten Stand halte, ich bin verantwortlich für Lighthouse-Projekte, halte Vorträge,… und habe eine Menge Spaß. Langweilig wird mir auch nicht, weil sich die Themen durchaus schnell ändern. Bei meinem Beitritt waren vor allem Apps gefragt, jetzt ist es Cloud, ich nehme an, dass es nächstes Jahr hauptsächlich um „advanced workloads“ gehen wird, allem voran Artificial Intelligence.

Persönliche Highlights aus 5 Jahren

Ok, da gibt es so viele erwähnenswerte Dinge, Reisen, Erlebnisse. Ich picke mal das, was mir ohne viel Reflektion einfällt:

  • Die lieben Kollegen. Wenn man sich auf Meetings oder das Team freut, weil es einfach nette Menschen sind. Das ist ein Highlight und ein Privileg. Vielleicht noch deutlicher, wenn man es umdreht: Es gab den 5 Jahren genau eine Person im Unternehmen, mit der ich nicht konnte. Ich rühme mich zwar, dass ich mit jeder Person kann… mit dieser einen nicht. Persönliche Niederlage. Macht nix, ich habe einfach einen Kollegen gebeten, dass er das übernehmen kann. Er konnte auch nicht, eine dritte Person ebenfalls nicht,… wir haben sehr gelacht und haben dann beschlossen, dass es wohl eher an der anderen Person lag. Die mittlerweile auch nicht mehr für Microsoft arbeitet. Man muss nicht jeden lieben, manchmal arbeitet man vielleicht sogar professioneller zusammen, wenn keine große Zuneigung besteht.
  • Ähnliches bei Microsoft Partnern, da gibt’s einfach einige, mit denen man seit Jahren super zusammenarbeitet. Manchmal intensiver, manchmal weniger, das hängt auch von den Zielen ab. Ich schätze es einfach, wenn es Handschlagqualität gibt. Wie bei meinen Kollegen-Erlebnissen: Genau einer hatte diese Qualität nicht, hat uns (eigentlich ohne Notwendigkeit) angelogen um an BIF (Geld) zu kommen … ein linker Typ in fünf Jahren ist auch zum Aushalten.
  • Ich habe 2013 den „Platinum Award“ bekommen. Eine der höchsten Auszeichnungen von Microsoft. Ziemlich coole Sache, durfte Steve Ballmer treffen… crazy.

Auf diesem Bild ist also persönlich Sieg und Niederlage gut zusammengefasst. Das mit dem Award war einzigartig, das mit Windows Mobile auch. Wie eine Firma das so versemmeln kann…

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Es waren schon mal tolle 5 Jahre! Ich hab sogar eine Webseite bekommen, voll nett. Ist übrigens recht neu, früher hat es erst ab 10 Jahren etwas gegeben.

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Und jetzt kann ich es ja sagen, die ersten paar Tage waren nicht so gut – wenn man vom Aktienkurs ausgeht, da hat der Hr. Decker ganz recht.

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Die Nachricht, dass ich unterschrieben hatte, ist offenbar von der Börse gut aufgenommen worden, allerdings folgte dann die Ernüchterung wie ich die Stelle angetreten habe… ? Frechheit. Aber durchhalten hat sich bezahlt gemacht, es ging ab dann nur noch bergauf, der Aktienkurs hat seit meiner Unterschrift mehr als verdoppelt. Geradezu vervielfacht haben sich auch meine grauen Haare. Ob es da einen Zusammenhang mit dem Arbeitgeber gibt?

Aber natürlich war nicht immer alles super, morgen gibt’s den dritten Teil der Serie mit den „Schattenseiten“.

„Arbeitgeber Microsoft“, weitere Artikel:

Wer immer auch Lust verspürt, Karriere bei Microsoft gibt es unter: https://careers.microsoft.com/

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