Geschichtsstunde: Die Longhorn Story

Unlängst bin ich über folgendes Video gestolpert:

“Geil”, oder. Doch typischer Fall von “war wohl nichts”.

In der Windows Live Group – windowsblog.at haben wir kurz darüber diskutiert, dabei sind ein paar Fragen/Statements aufgetaucht:

  • “Was ist aus all dem geworden?“
  • “Gibt es den PDC Build von 2003 irgendwo zum selbst installieren oder ist das alles verschwunden?“
  • “Und letztendlich kam’s ja doch 2007 raus”

Nun, der Reihe nach. Was ich hier übrigens schreibe, ist keineswegs “geheim”, sondern lässt sich recht schnell nachrecherchieren…

Longhorn: 2001 bis 2004
Nachdem XP veröffentlicht waren, ging es nun daran einen Nachfolger zum Anfangs sehr ungeliebten Windows XP zu bauen. Nicht zu vergessen: XP war ja eigentlich eher ein Zwischenrelease,…  Dazwischen gekommen sind andere Prioritäten: z.B. XP fixen. Das Service Pack 2 war extrem wichtig, und immer wieder hört man, dass Microsoft überlegt haben soll, das als eigenständiges Produkt zu veröffentlichen (XP R2). Beachtlich: es wurde ein Gratis-Update. Weiters kamen währende der Entwicklung auch noch andere Produkte, Technologien oder Konzepte dazwischen. Beispielsweise der Server 2003, das .net Framework und diverse andere Ideen (NGSCB, Trustworthy Computing Campain, SDL…).

Die Pläne für Longhorn waren sehr ehrgeizig:
Aufbauend auf dem Code von XP sollte Longhorn mehr oder minder komplett in managed code geschrieben werden, die Oberfläche sollte vektorbasierend sein (Avalon), das Dateisystem sollte neu sein (WinFS), Win32 durch WinFX ersetzt werden,…

Longhorn: Der Code Reset August 2004
So hochtrabend die Pläne waren,.. so verfahren war die Entwicklung. Es mag viele Gründe dafür geben (Managementfehler wohl hauptsächlich), jedenfalls war die Entwicklung von Longhorn in jeglicher Hinsicht in einer Sackgasse. Bruchstücke, wie dramatisch das ganze war, sind ja Jahre später auch an die Öffentlichkeit gedrungen, z.B. die Mail von Jim Allchin (“’I would buy a Mac if I didn’t work for Microsoft”). Etwas das Microsoft schon mal passiert ist, Stichwort: “Cairo”. Auch da hat man viele Arbeitsjahre in etwas gesteckt, das so nie veröffentlicht wurde, wenngleich (fast ident wie 10 Jahre später mit Longhorn) vieles davon später in verschiedenen Produkten wieder aufgetaucht ist. Eine Mischung aus Vaporware, Vision und Technologie.

Microsoft hat in diesem Moment das einzige Richtige getan: zurück an den Start. “Code Reset” ist ein etwas euphemistischer Ausdruck dafür gewesen, man hat einfach wirklich nochmal begonnen. Wobei der Start der Server 2003 Build 3790 gewesen sein dürfte.

Longhorn: Aus dem Rindviech wurde Windows Vista
Was hat Vista mit Longhorn gemeinsam? Nun… gar nix? Es ist dann nur der Codename übernommen worden, aber das ursprüngliche “Longhorn” hat mit dem späteren Vista-“Longhorn” wenig gemeinsam. Ganz so stimmt das natürlich nicht, so manche Technologie stammt aus dem Ur-Longhorn. Man findet hin und wieder Hinweise darauf, so dürfte z.B. das in Vista enthalte Backuptool wbadmin (und damit vermutlich ein Großteil der Imagingtechnologie) aus der Pre-Code-Reset Zeit stammen:

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Ab dem “Code Reset” ging es ziemlich flott voran, man wusste nun, was in welcher Zeit machbar war und konnte so ein eigentlich sehr gutes Produkt herstellen. Einzig – das PR Desaster, denn Vista wurde immer mit den Plänen von Longhorn verglichen. Was es aber nicht war,… und etwas unglückliche Kommunikation z.B. zu WinFS hat die Situation auch nicht verbessert.

Damit können nun die eingangs gestellten Fragen beantwortet werden:

“Was ist aus all dem geworden?“
Wie erwähnt, das ursprüngliche “Longhorn” ist gekübelt worden. Der Code schlummert wohl nun in einem atombombensicheren Bunker tief unter der Area 52,… dennoch waren die Jahre nicht umsonst, man hat halt experimentiert und viele Technologien, die für das ursprüngliche Longhorn geplant waren, sind mittlerweile in den verschiedensten Produkten enthalten. WinFS ist in (teilweise) in SQL Server 2008 drin, Avalon ist als WPF gemeinsam mit anderen .net Technologien im .net Framework – auch für XP rückportiert, die Fotoanwendung kennen wir heute unter dem Namen Windows Live Foto Galerie, das Imaging System hat es in Vista geschafft,… und einige Dinge, die ursprünglich für Longhorn angedacht wurden, wird es voraussichtlich mit Windows 7 geben, z.B. die Homegroups (Longhorn: Castles) oder Device Stage, hier aus dem Longhorn Video bei 1:55:

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Und hier die Ansicht aus Windows 7. Vielleicht nicht so bunt, von allen angeschlossenen Geräten (links) auf einen Blick alle Funktionen (Beispiel Mobiltelefon rechts):

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Oder auch die Suche, über die Grenzen des lokalen Geräts hinweg: Windows 7: Suche

Aber, auch das muss man nochmal deutlich sagen: das Longhorn, das im Video gezeigt wurde, war ein Mock-Up, das hat es so nie gegeben. Solche Videos sind nicht unüblich, normalerweise wird nur was draus… irgendwann. Siehe auch das Video hier von Microsoft Research.

“Gibt es den PDC Build von 2003 irgendwo zum selbst installieren oder ist das alles verschwunden?“
Offiziell hat es nie einen Download gegeben, es wurden nur diverse Builds geleaked und in Tauschbörsen verteilt, darunter auch der Build 4051 von der PDC 2003. Sprich: legal war und ist es nicht zu bekommen.

Die Frage ist aber eher: will man sich einen Download überhaupt antun? Das Ur-Longhorn ist ja deswegen eingestellt worden, weil es … crappy war, die Performance unterm Hund war und Stabilität auch eher weiter unten auf der Prioritätenliste stand.

Dennoch haben sich ein paar Enthusiasten zusammengetan und wollten – rechtlich in keiner Grauzone sondern ziemlich eindeutig – mit “Longhorn Reloaded” aus einem der stabileren Builds (4074) ein fertiges “Produkt” zimmern. Die Anfänge dieses Projekts lassen sich immer noch bei JoeJoe.org nachlesen. Das Ende auch.

Hier noch ein paar Aussagen, die ich immer wieder höre,… und die trotzdem falsch sind (meiner Meinung nach):

“Vista ist komplett neu entwickelt, darum so sicher,…”
Höre ich öfters von Microsoft Mitarbeitern. Trotzdem nicht richtig. Natürlich werden immer wieder Komponenten neu geschrieben, aber nicht “alles” und schon gar nicht komplett. “If it’s not broken, don’t fix it,…”.

“Microsoft sollte endlich mal den Kernel entschlacken und neu beginnen,…”
Nun, das kommt meistens von Personen, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie die technischen Skills haben, das auch zu bewerten (ok, ich hätte auch kurz “Forentroll” sagen können). Ich hab sie auch nicht, deswegen halte ich mich eher an Personen, die tatsächlich den Windows Kernel verstehen – und von denen hört man, dass der Kernel eigentlich ziemlich gut war/ist. Und besser wird (MinWin in Windows 7 bzw. Server 2008 R2). Wenn man die Zeit hat, dann sollte man sich mal dieses Video ansehen: Mark Russinovich: Inside Windows 7.

“Vista hat 6 Jahre Entwicklungszeit”
Nein. Eher maximal 2 Jahre, denn von August 2004 (“Code Reset”) bis zum Release im November 2006 sind’s nun mal keine 6 Jahre. Dennoch: die Erfahrungen der 4 Jahre “Ur-Longhorn” konnte man natürlich einfließen lassen.

“Mit der angekündigten Funktion/Technik XY wäre alles viel besser!“
Hör ich oft, doch meistens kann mir niemand wirklich sagen, welchen Vorteil das dann tatsächlich gehabt hätte. Dabei bezweifle ich nicht, dass es technisch toll gewesen wäre, nur den Vorteil haben wir so auch,… lässt sich auf WinFS umlegen, genauso wie andere Themen. Auch eher was für Trolle.

“Microsoft ist nicht innovativ!”
Durch die vielen (geleakten) Previews sowie öffentlichen Präsentationen kann meistens recht gut Einblick genommen werden, woran Microsoft arbeitet. Diese Dinge tauchen dann oft sehr schnell bei anderen Herstellern auf. Zwei Beispiele: die einschnappenden Fenster von Windows 7 sind einfach eine gute Idee – eine Woche nachdem das auf der PDC gezeigt wurde, gibt es schon ein Programm, dass die Funktion nachrüstet, siehe: Windows 7: Snap und Shake it! (Wobei ich ausdrücklich nicht sage, dass es einschnappende Fenster nicht auch schon seit Jahren gibt, sondern nur wie schnell gute Ideen übernommen werden!).

Zweites Beispiel:
Hier ein Preview der Oberfläche von Longhorn (als Technologiedemo) von der PDC 2003 mit wobbelnden Fenstern. Ungefähr 3 Jahre, bevor der Effekt der wobbelnden Fenster dann in Compiz für Linux aufgetaucht ist:

Gerade das ist ein recht witziges Beispiel, da ja die Desktopeffekte als besonders innovativ gelten.

Fazit:
Dem alten Longhorn muss man keine Träne nachweinen, ganz im Gegenteil. Aber ich zitiere hier das Fazit von Ars Technica zu diesem Thema:

“These things—the code reset, the loss of managed code and WinFS—together caused a lot of upset amongst developers and consternation amongst industry-watchers (who felt that Vista was going to be hugely late and be little more than Windows XP with a new skin).[…]Ultimately, though, none of this really matters. Vista is no mere „cosmetic“ upgrade. It’s the most significant Windows release in a decade.”

Genau, und ich freue mich deswegen schon auf “Windows 7”, das diesen Weg weitergehen wird.

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