Die britische Schulbehörde "British Educational Communications and Technology Agency" (BECTA) rät aufgrund ihrer Studie von einem Umstieg auf Windows Vista und Office 2007 ab. Nun, das wäre ja prinzipiell keine große Sache, wenn man für sein Unternehmen/Behörde/Organisation die Vor- und Nachteile prüft und zu diesem Ergebnis kommt. Wenn die Prüfung allerdings (absichtlich?) mangelhaft ist, dann ist das Ergebnis eben "wunschgemäß". Wenigstens ist Heise.de so ehrlich, und reiht diese Meldung im Bereich "Open Source", statt wie derStandard ins Ressort Microsoft.
Ich will hier auch begründen, warum ich dieser (harschen?) Ansicht bin. Dabei gehe ich davon aus, dass die Ersteller der Studie IT-Fachwissen haben, und somit Sachverhalte, die also in einer bestimmten Weise beschrieben - oder eben nicht beschrieben - wurden, nicht passiert sind, sondern absichtlich so im Report (nicht) stehen.
Meine konkrete Kritik an der Studie:
Deployment/WDS
Für mich ist das der schwerwiegendste Mangel an dem Report: Deployment und Wartung, und damit die im täglichen Betrieb größten Kostenfaktoren, werden nicht annähernd auch nur erwähnt, sieht man davon ab, dass in 4.12 und 4.21 das Wort "lite-touch" vorkommt. Wie schaut's denn aus mit dem neuen Image-Format? Inhomgene Hardwarelandschaft - ich glaube nicht, dass ganz England eine idente Hardwarekonfiguration hat?! Zeit, die für das aktualisieren von Images benötigt wird? Ignoriert. Komplett.
Thema Sicherheit
Kommt im Report nicht vor. Nun ja, wundert mich nicht. Wahrscheinlich wurde dieses Kapitel per Post verschickt. Dabei denke ich, dass gerade wenn Kinder und Jugendliche an Computer gelassen werden (und im Normalfall wohl mehr wissen als die Lehrkräfte), Sicherheit schon ein Thema sein sollte. Nicht so bei BECTA, da wird das nicht einmal ignoriert. Dafür wird in 4 Kapiteln erwähnt, dass Aero nichts bringt. Gratulation.
Zielgruppe
Nachdem hier von "lite-touch deployment" ausgeht, nehme ich einmal an, dass die Zielgruppe WDS und Imaging nutzt. Dann kann es doch nicht ernsthaft ein Problem sein, etwas zu installieren, wie das PDF Plug-In?! Dennoch wird das extra erwähnt:
"Support for both the portable document format (PDF) and the XML paper specification (XPS) file format is available in Office 2007, which is of benefit in an education environment. However, this is only available as a separate plugin which needs to be downloaded and installed – there is no ‘out-of-the-box’ integration or support for PDF or XPS file formats."
Ähm. Ja, so what? Für den End-User eine 3-Klick Aktion, für die IT quasi ein Null-Aufwand, denn das ist ja im Image enthalten. Und damit wird das mit ausgerollt. Und gut ist's. Ebenso wird detailliert ausgeführt, was man alles braucht um in Office den ODF Converter von Sourceforge zu installieren (5.11). Inklusive:
- selecting the correct language version of the converter
- reading and accepting the licence conditions for the converter
User Interface
Die Auswirkungen des neuen User Interfaces haben keinen Eingang gefunden weder, dass die Usability gesteigert wurde, noch dass es didaktisch wohl mehr Vor- als Nachteile bringt. Auch hier werden sich ausschließende Argumente so gedreht, wie sie gebraucht werden:
- Das neue User Interface bei Office 2007 ist schlecht, weil es anders aussieht ("users may get confused by operating in an environment which has a mix of the new and the
more familiar Office user interfaces.") - Aber von verschiedenen Herstellern darf es darf es dann doch sein (6.14): "Indeed it would be a poor testament to today’s ICT education if, on leaving formal education, young people were unable to use a basic software package (such as office
productivity software or a web browser) just because it had some differences
in functionality, or in its user interface..."
Na was jetzt? Verwirrt das den Benutzer oder lehrt es ihm etwas? [Es sei denn es wäre gemeint, dass in einem Klassenzimmer verschiedene Systeme/Versionen stehen, aber das wäre ja dann auch kaum ernst zu nehmen].
Ausrichtung des Reports
Von den 40 Seiten des Reports bleiben abzüglich Umschlagseite, Index und Summary sowie Beschreibung der Untersuchungsmethode für das eigentlicher Thema Vista und Office nur 7 Seiten (Kapitel 4). Ganze 11 Seiten beschäftigen sich mit Interoperabilität von Dokumenten-formaten.
OpenXML nur für Office 2007?
"When we published our interim report there were no non-Microsoft products
available that could read Microsoft’s new file formats. Since that time suppliers such as Novell and Corel have announced the intention to develop their own tools to improve the interoperability of their products with Office 2007. Neither of these tools was available to the review during its interoperability testing phase."
Tja, die Zeit bleibt nun mal nicht stehen, und an anderer Stelle wird sehr wohl (offenbar dort wo es passt) auf aktuelle Entwicklungen verwiesen, so z.B. in Kapitel 6.3. auf das "release by IBM of a new free version of Lotus Symphony" (das zwar auf OpenOffice basiert, aber selbst nicht Open Source ist). Nun, abgesehen davon, dass die Software Beta Status hat, war das im September 2007, aktuell ist die Beta 3 vom 17 Dezember 2007 (lt. Wikipedia).
Novell hat ihren OpenXML Translator übrigens im Februar 2007 veröffentlicht. Hier stelle ich mir schon die Frage: Absicht oder Nichtwissen? Wieso wird etwas vom September bzw. Dezember 2007 berücksichtigt, nicht aber vom Februar 2007?
Hier eine Liste von Software, die heute OpenXML schreiben und lesen kann (Details bei Brian):
- iPhone
- iWork
- OpenOffice (NeoOffice, StarOffice,...)
- PalmOS
- Office 2000, XP, 2003, 2007
ODF Support in Office
Zugegeben, der Sun Converter um das Sun ODF/ISO Format in Office 2007 zu nutzen, funktioniert erst seit dem Service Pack 1 für Office, das mag tatsächlich zu knapp für den Report gewesen sein. Dennoch: nun gehts, und damit geht die ausführlich geschilderte Kritik auf viele Seiten des Reports einfach ins leere. Und zusätzlich: das hat nur Office 2007 betroffen. Der Converter funktioniert aber auch für Office 2000, XP und 2003 und das seit Ende Juni 2007.
Aus 5.10: "Microsoft’s current approach to providing interoperability with the ODF standard is by facilitating the development of a third-party ‘add-in’ or ‘converter’ to Office 2007 rather than by developing the functionality itself and integrating it fully into its product. The current approach raises concerns in relation to non-technical users over both how they access the necessary interoperability functionality and how intuitive it is to use."
Nachdem ja nachdrücklich dauernd Suns OpenOffice empfohlen wird, kann es ja kein Problem sein, Suns ODF Converter zu installieren?!
Damit fallen auch viele Seiten Kritik am Report weg, z.B. das Kapitel 5.11, 5.13 denn damit lassen sich aus Office 2007 (und ich habs jetzt extra ausprobiert, inkl. Download und Installation 3 min. gedauert) in Word:
- ODF Speichern
- ODF Öffnen
- ODF als Standardformat setzen
In Excel und PowerPoint würde es eine kleine Anpassung brauchen (Menü anpassen), aber letztlich kann auch das nicht so schwierig sein, wenn es um mehr als 1,4 Millionen Rechner geht. Wieso schaffe ich etwas in 3 Minuten, was die monatelange Studie nicht schafft? Nicht wollen oder nicht können? Und wenn sich Dinge ändern (das passiert halt in der IT), dann darf man eben nicht im Jänner 2008 einen Report veröffentlichen, wenn er sich als nicht mehr korrekt erweist.
Empfehlungen für Formatwahl
"Becta did not conduct technical assessments of the merits of either the existing international document standard (ODF) or the proposed second international document standard (OOXML)."
Hmm, wäre aber eine gute Idee gewesen. Dann käme man nämlich drauf, dass das ISO/ODF Format nur mit proprietären Erweiterungen derzeit überhaupt einsetzbar ist. Egal, ist ein Glaubensstreit,... da kann man sowieso nicht argumentieren, ohne dass von der einen oder anderen Seite immer die selben Argumente kommen. ODF/ISO ist schlicht unfertig (Accessibility, Formeln, ...), war aber früher da (offenbar weil Microsoft die Bedeutung von ISO zu spät erkannt hat) und OpenXML ist dafür wieder zu umfangreich, und hat einige Designfehler (Datum, Formatierungen likeWord95,..). Beide Formate sind übrigens "frei". Das eine ist ISO Standard, das andere als ECMA OOXML. Und zur rechtlichen Geschichte bezüglich Microsoft OpenXML, weil ja immer die Angst besteht, Microsoft könnte plötzlich klagen, wenn man OpenXML benutzt: mehr dazu hier.
Stattdessen gibt BECTA in Kapitel 5.12 die folgende Empfehlung für "open standards file formats. The acceptable standards are as follows". Akzeptabel ist natürlich nur ODF. "Open Standards" wäre das andere allerdings auch...
Das wäre ja in Ordnung, wenn da nicht der Umstand wäre, dass derzeit vermutlich in britischen Haushalten diese Formate wohl nicht sehr "ergiebig" wären. Denn entweder man verliert "Genauigkeit" z.B. bei der Formatierung oder in Tabellenkalkulationen bei Formeln (csv?) oder aber man muss erst recht neue Software installieren (sei es OpenOffice oder ein Konverter). Genau das war aber der Punkt, warum Converter bei Office 2007 schlecht sind. Also entweder - oder. Für den Heimgebrauch werden übrigens doc, xls und ppt empfohlen. Muss ich dann als Schüler, der sich ein Dokument mit nach Hause nehmen will, jedes mal umspeichern? (Nein, aber ich werde nicht umhinkommen, dass man Software installiert, wenn ODF "mandatory" ist. Ich bin aber im Gegensatz zu den Studienerstellern zuversichtlich, dass die Briten den Doppelklick auf das Setup - des Plugins oder OpenOffice - schaffen.).
Empfohlene Hardware:
BECTA empfiehlt (!) folgende Hardware. Wohlgemerkt, das ist NICHT die Packungsangabe von Microsoft, sondern tatsächlich das was sie gemäß "knowledge and belief" empfehlen:
- 1GHz 32-bit (x86) or 64-bit (x64) processor
While Windows Vista will run on a slower processor, performance would be
a limiting factor to the usefulness of the machine. - 1GB of system memory
While Windows Vista will run with 512MB memory, use with more than one
application simultaneously would result in a performance hit owing to harddisk
swap-file activity. - hard drive with 15GB free space
- "...as long as the graphics processor is supported by Windows Vista
and can offer resolution of at least 800x600 ..."
Haben die Vista installiert?! Diese Empfehlung würde ich nur jemandem geben, den ich wirklich nicht mag. Als Ergebnis einer Studie und Empfehlung für die Hardwareanschaffung seltsam.
Zusammengefasst:
Ich werfe dieser Studie also konkret vor, absichtlich oder durch Unfähigkeit zu einem im vorhinein feststehenden Ergebnis zu kommen. Sachlich falsch, tendenziös wertend, aber "Ziel erreicht". Publicity ist da, und mal ehrlich, wer liest denn schon mehr als die Überschrift.
Mehr Information: BECTA Report Download
Das spiegelt natürlich nur meine persönliche Meinung wieder (das schreibe ich bei so Frust-Artikeln immer dazu,...), aber ich lasse mich gerne korrigieren, wenn ich in der Argumentation daneben liege!